Stadtführung Eins

Am ersten Tag der Akademie haben wir eine "normale" Stadtführung bei "Free Walking Tour" gebucht, und dabei die Teilnehmerinnen und Teilnehmer gebeten, unter folgendem speziellen Fokus hinzuhören: Welche Geschichte wird erzählt? Welche wird nicht erzählt? Dabei haben wir uns in zwei Gruppen aufgeteilt.

Am Vormittag des zweiten Akademie-Tages haben wir dann diese Stadtführung für unser Thema reflektiert. Hier einige Notizen, die ich mir dabei gemacht habe:


Gruppe 1:

* bei Teilen dessen, was uns der Guide gesagt hat, war spürbar, dass er selbst erzählte Geschichte erlebt hat,

* teilweise hat er sich stark an den Teilnehmerinnen und Teilnehmern ausgerichtet, so fragte er: Welche Geschichte wollt ihr hören?

* ständiger Rekurs auf die 400jährige Besatzung durch die Ottomanen

 

Gruppe 2:

* betonen der Opfer-Rolle, Serbien als weltweit größtes Opfer

* welche Geschichten würde ein Free-walking-Tour-Guide bei uns zu Hause erzählen?

Stadtführung Zwei

Nach dem Impulsreferat (mehr dazu siehe unter der Menüleiste "Implusreferate") und der anschließenden Diskussion führte uns die Historikerin Olga Pintar durch die zentrale Strasse in der Belgrader Innenstadt. Im Mittelpunkt standen dabei die nach wie vor sichtbaren Auswirkungen des NATO-Bombardements im Kosovo-Krieg 1999. Die  Häuserruinen sind bis heute nicht beseitigt, sind bis heute nicht wieder in Stand gesetzt. Gemäß Olga Pintar stehe dahinter nicht eine gezielte Strategie, sondern dies ist für sie eher Ausdruck von dem bis heute herrschenden Chaos. Zugleich werden diese Gebäude instrumentalisiert, wie wir an riesigen Plakaten sehen konnten, die an den Außenflächen von Ruinen den Dienst in der Armee als großen, zugleich heroischen Ausdruck von Vaterlandsliebe darstellen. 

 

Während dieser Stadtführung kamen wir auch an riesigen Baustellen von modernen, riesigen Shopping-Centern vorbei. Olga Pintar wies uns auf die erschreckend hohe - und ständig steigende - Zahl an tödlichen Arbeitsunfällen auf den Baustellen Belgrads hin, da ein tatsächlich wirksamer Arbeitsschutz in der Praxis nicht vorhanden ist. Der Umstand, dass gerade in einer Gesellschaft mit der über 40jährigen Tradition des sozialistischen Jugoslawiens heute so wenig an sozialen Schutzrechten übriggeblieben ist, macht mich nachdenklich. Dazu passt auch die Information, dass als Folge einer de facto Privatisierung des öffentlichen Bussystems immer mehr Buslinien nicht mehr funktionieren. Bewohner und Bewohnerinnen am Stadtrand, vor allem ältere, könnehn es sich nicht mehr leisten, regelmäßig ins Stadtzentrum zu fahren und hier am öffentlichen Leben (z.B. Besuch in Bibliotheken) teilnehmen.